Berlin – Elf Frauen, elf Laptops, ein Ziel: Jede möchte lernen, eine Datenbank zu programmieren. Draußen ist der Berliner Himmel längst dunkel, bis in den späten Abend hinein arbeiten die Frauen an ihren Projekten.

Im «Learning by Doing»-Verfahren hacken sie die Befehlszeilen in die Tastaturen bis jede Verknüpfung steht und jeder Syntax-Fehler ausgemerzt ist. Ihnen zur Seite stehen ehrenamtliche Mentoren, allesamt selbst Entwickler. Alle sind freiwillig hier. Um Geld geht es nicht. Sondern um Gleichstellung.

«Ich habe mich gefragt, wo sind die Frauen?», erzählt Nakeema Stefflbauer. Die US-Amerikanerin hat den kostenlosen Programmierkurs «FrauenLoop» im Sommer vor einem Jahr ins Leben gerufen. Mittlerweile treffen sich ihre Workshop-Teilnehmerinnen zwei Mal pro Woche in den Büroräumen, die ihnen eine Spieleschmiede zur Verfügung stellt.

Es ist kein Geheimnis: Die deutsche IT hat ein Frauenproblem. Nach Angaben des Branchenverbands Bitkom sind gerade einmal 25 Prozent der Belegschaften bei Unternehmen der Informationstechnologie und Telekommunikation weiblich. Der Frauenanteil unter den Fachkräften ist mit 15 Prozent sogar noch kleiner. Woran liegt’s?

«Als wir klein waren, hatte mein Bruder den Computer, nicht ich», sagt Workshop-Teilnehmerin Jasmin Wirthgen. Die 34-Jährige ist Grafikerin in einer Spiele-Firma. Erst als sie den Codern dort öfter mal über Schulter schaute, stieg ihr Interesse am Programmieren. Für sie ist der Kurs mehr ein Hobby. Andere erhoffen sich besser Berufsaussichten.

Schon als Mayssaa Hefteh noch in ihrem Bürojob in Syrien gearbeitet hatte, träumte sie davon, programmieren zu lernen: «Ich bewundere schöne Internetseiten, und es ist eine tolle Vorstellung so etwas selbst schaffen zu können.» Vorerst nimmt sie aber auch mit SQL Vorlieb. Die Datenbanksprache lernt sie aktuell in ihrem Kurs. «Wenn ich hier jemals wieder einen Job als Buchhalterin bekomme, kann ich das nutzen.» Für wahrscheinlicher hält die 33-Jährige aber, dass sie sich in Deutschland als Web-Entwicklerin selbstständig macht.

Paradebeispiele für erfolgreiche Frauen in der Software-Branche findet man in der App-Wirtschaft. In Deutschland gibt es etwa Verena Pausder, die mit ihrer Firma Fox & Sheep bisher auf 18 Millionen Downloads von Apps für Kinder kommt. Und Verena Hubertz und Mengting Gao brachten es mit ihrer Koch-App «Kitchen Stories» aus Deutschland in drei Jahren auf 13 Millionen Downloads über zwölf Sprachversionen hinweg.

Insgesamt beginne der Technik-Teufelskreis schon früh, meint Laura Laugwitz. Sie ist Mitorganisatorin von
«Rails Girls Berlin». Eine andere kostenlose Initiative für Frauen, spezialisiert auf die Programmiersprache Ruby. Mädchen würden unterbewusst im Informatikunterricht übergangen, sagt Laugwitz.

Es sei ein gesamtgesellschaftliches Problem, das sich in der IT besonders zeige. «Das führt etwa dazu, dass Informatik-Studentinnen bei Gruppenarbeiten das Protokoll schreiben, weil die Jungs meinen, dass die Frau das Praktische eh nicht beherrscht.» Auch Stefflbauer bemängelt: «Männer stecken Frauen schnell in eine Schublade.»

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine aktuelle vom Softwarekonzern Microsoft in Auftrag gegebenen Studie. Demnach zählt Ungleichbehandlung neben fehlenden weiblichen Vorbildern und fehlender Praxiserfahrungen zu den Gründen, weshalb Mädchen und junge Frauen kaum Interesse an technischen Fächern wie Informatik haben.

Die meist über Spenden und Sponsoren finanzierte Programmier-Workshops für Frauen – die es auch in Köln, München und
Leipzig gibt – versuchen diesem Problem zu begegnen. «Es geht nicht darum, aus den Teilnehmerinnen perfekte Coderinnen zu machen», sagt Stefflbauer von
«FrauenLoop». «Wir wollen ihnen zeigen, dass es egal ist, woher sie kommen und wie alt sie sind, sie können programmieren lernen», erklärt Stefflbauer. Ziel sei es aber auch, den Frauen aufzuzeigen, welche berufliche Möglichkeiten sie haben können.

Den Vorwurf, dass sie mit den reinen Frauenkursen an der Arbeitsrealität aus weiblichen und männlichen Kollegen vorbei unterrichteten, lässt Laugwitz nicht gelten. «Für mich ist es völlig okay, Männer auszuschließen – für die gibt es schon genug Räume.» Ganz ohne Männer geht es aber nicht: Ohne sie würden Mentoren für die Coding-Kurse fehlen. Allerdings, berichten Laugwitz und Stefflbauer, können inzwischen immer mehr ehemalige Teilnehmerinnen Kurse selbst anleiten. Das sei schon ein Erfolg.

Informatik ausprobieren: Tipps für Schülerinnen

Beim Gedanken an Informatiker haben viele Klischeebilder vor Augen: einen Bastel-Nerd, der still vor sich hin tüftelt. «Viele Mädchen wissen gar nicht, was sich hinter Informatik- oder naturwissenschaftlichen Berufen verbirgt», sagt Christina Haaf, Sprecherin der Initiative «Komm, mach MINT». Die Abkürzung steht für die Bereiche Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Es gibt mittlerweile viele Angebote, mit denen sich Schülerinnen ein realistischeres Bild dieser Bereiche verschaffen können. Das umfasst Projekttage, ein Schnupperstudium oder Praxiseinblicke beim Girls‘ Day.

Eine Möglichkeit, selbst nach Angeboten in der Nähe zu suchen, bietet zum Beispiel die Projektlandkarte der Initiative. Dort können Schüler nach Workshops, Schnuppertagen oder Wettbewerben im ganzen Bundesgebiet suchen. Wer seine eigenen Stärken für Informatik testen will, kann ein sogenanntes Self-Assessment absolvieren. Viele Hochschulen bieten solche Assessments an. Für die IT-Ausbildungsberufe gibt es sogar einen eigenen Interessenstest.

Die Tatsache, dass viele Schülerinnen MINT-Studiengänge von vornherein für sich ausschließen, hängt oft mit der Schullaufbahn zusammen. «Viele denken, wenn sie keinen Mathe- oder Physik-Leistungskurs belegt haben, können sie so etwas nicht studieren», sagt Haaf. An diesem Punkt setzen sogenannte Brückenkurse der Hochschulen an: In ihnen wiederholen Studienanfänger Schulstoff in Fächern wie Chemie, Physik oder Informatik.

Fotocredits: Britta Pedersen
(dpa)

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