Karlsruhe – Das Baby dreht sich auf dem Weg nach draußen vorbildlich im Geburtskanal und erblickt mit dem Gesichtchen nach unten das Licht der Welt.

«Flutsch» macht es, und der Stoffsäugling mit den Schlackerarmen ist in der Hebammenschule Karlsruhe mit Hilfe der Hebammenschülerinnen Angelica und Luise aus dem Plastikmodell des Beckens nach draußen geholt. «Das ging schnell», lachen die jungen Frauen. Sie haben am Modell viele Male geübt und nun, im zweiten Ausbildungsjahr, dürften sie im Kreißsaal auch selbst Hand anlegen.

Die Hebammenschülerin Celine Friedrich berichtet euphorisch von der Ehre, den Moment der Geburt begleiten zu dürfen: «Den Augenblick der ersten Liebe zu sehen zwischen den Eltern und ihrem Baby.» Hebamme – all die jungen Frauen hier nennen es ihren Traumberuf.

Und dennoch ist er seit Jahren in der Krise, der Mangel an Hebammen virulent. Der Deutsche Hebammenverband (DHV) trommelt zwar unermüdlich und medial äußerst erfolgreich für die Nöte der Hebammen. Zahllose Frauen, werdende Mütter, Aktivistinnen unterschrieben Petitionen, gründeten Interessenverbände, lenkten schließlich auch das politische Augenmerk auf die prekäre Situation der Geburtshelferinnen und damit auch die der Schwangeren selbst, die kaum noch eine Hebamme zur Betreuung finden.

Aber die Probleme rund um
schlechte Bezahlung, Arbeitsbelastung und hohe Haftpflichtprämien sind bis heute nur teilweise gelöst. Das zeigt auch eine aktuelle Analyse des Sozialministeriums in Stuttgart zur Lage der Geburtshilfe im Land Baden-Württemberg: Demnach bleiben Hebammen nur vier bis sieben Jahren im Beruf. Bundesweit sei die Verweildauer ähnlich kurz, sagt DHV-Sprecher Robert Manu.

Dem nach wie vor fast magischen Ansehen ihrer Arbeit ist es vermutlich zu verdanken, dass die absolute Zahl der Hebammen laut DHV steigt. Die Zahl der Bewerberinnen auf einen Ausbildungsplatz hat sich über die Jahre aber halbiert: Von zwischen 10 bis 12 auf etwa 5 Interessenten pro Lehrstelle. Außerdem steigt die Geburtenrate. Die Folge: Hebammen fehlen überall.

Und jetzt steht auch noch eine Neuordnung der Ausbildung bevor: Eine EU-Verordnung will, dass der Beruf akademisiert wird – sprich: im Studium und nicht mehr über eine Ausbildung erlernt wird.

Deutschland ist da innerhalb der EU ziemliches Schlusslicht. Die Akademisierung, die den Geburtshelferinnen die Arbeit in egal welchem EU-Land ermöglicht, ist inzwischen in so gut wie allen Mitgliedstaaten geschafft, außer in Estland, Lettland, Deutschland. Der DHV setzt sich seit Jahren dafür ein; er verspricht sich davon eine Aufwertung des Berufes.

Die Finanzierung der bald vorgeschriebenen akademischen Ausbildung ist in den Bundesländern laut DHV aber ungesichert. Bisher wurden die Plätze über die Krankenhäuser als Träger der Ausbildungsstätten finanziert. Sie zahlen in einen Ausbildungsfonds ein. Wenn die Hebammenausbildung aber an Hochschulen angegliedert ist, wäre der Ausbildungsfonds nicht mehr zuständig, sondern das Land. Auch das Hebammengesetz muss novelliert werden. Eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe auf Bundesebene beschäftigt sich derzeit mit all diesen Fragen.

Während also neue Probleme längst am Horizont aufgetaucht sind, harren alte Probleme weiterhin der Lösung: Zwar gilt seit kurzem, dass Beleghebammen nur noch zwei Gebärende gleichzeitig betreuen dürfen. «Angestellte Hebammen müssen sich aber weiterhin um fünf bis sechs Frauen gleichzeitig kümmern», moniert der DHV.

In der Hebammenschule in Karlsruhe schauen die Schülerinnen trotz allem fröhlich und gespannt in ihre Zukunft. Von den Debatten rund um ihren Traumberuf hat sich keine abschrecken lassen. Sie sind sicher, dass sie ihn lange ausüben möchten.

Fotocredits: Uli Deck
(dpa)

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