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Rechtliches

Gibt es ein Recht auf mehr Gehalt? Was Beschäftigte wirklich einfordern können

Einen allgemeinen Anspruch auf eine Gehaltserhöhung kennt das deutsche Arbeitsrecht nicht. Es gibt aber Situationen, in denen Sie mehr Geld verlangen können, und hier erfahren Sie, welche das sind.

Mann von hinten wartet in einem kleinen Besprechungsraum mit Tisch und Mappe

Sie leisten gute Arbeit, sind seit Jahren dabei, und trotzdem steht auf Ihrer Gehaltsabrechnung seit Langem derselbe Betrag. Dann erfahren Sie zufällig, dass jemand mit vergleichbarer Aufgabe mehr verdient. Die naheliegende Frage lautet: Muss mein Arbeitgeber mir nicht ebenfalls mehr zahlen? Die Antwort ist weniger eindeutig, als viele hoffen, aber auch nicht so ernüchternd, wie manche befürchten. Dieser Beitrag zeigt, wo die Vertragsfreiheit endet und wo Ihre Ansprüche beginnen.

Der Grundsatz: Gehalt ist Verhandlungssache

Im deutschen Arbeitsrecht gilt die Vertragsfreiheit. Arbeitgeber und Beschäftigte legen die Vergütung gemeinsam fest, und was einmal vereinbart ist, bleibt bestehen, bis beide Seiten etwas anderes vereinbaren. Ein Gesetz, das eine regelmäßige Gehaltssteigerung vorschreibt, gibt es nicht. Auch lange Betriebszugehörigkeit oder sehr gute Leistungen führen nicht von selbst zu einem Anspruch auf mehr Geld.

Das bedeutet zugleich: Unterschiedliche Gehälter für ähnliche Tätigkeiten sind nicht automatisch unzulässig. Ein Unternehmen darf etwa eine schwer zu besetzende Stelle mit einem höheren Einstiegsgehalt ausschreiben als früher oder besondere Qualifikationen gesondert honorieren. Entscheidend ist, dass es für die Unterschiede einen sachlichen Grund gibt und keine verbotenen Kriterien eine Rolle spielen.

Wenn ein Tarifvertrag oder eine Betriebsvereinbarung gilt

Deutlich verbindlicher wird es, sobald kollektive Regeln greifen. Ist Ihr Arbeitsverhältnis an einen Tarifvertrag gebunden, ergeben sich Gehaltsgruppen, Stufenaufstiege und Tariferhöhungen direkt aus diesem Regelwerk. Steigt der Tarif, steigt Ihr Gehalt mit, ohne dass Sie darum bitten müssen.

Ähnliches kann für Betriebsvereinbarungen gelten, die Arbeitgeber und Betriebsrat abschließen. Sie können zum Beispiel festlegen:

  • nach welchen Kriterien Stellen eingruppiert werden,
  • wann ein Aufstieg in die nächste Gehaltsstufe erfolgt,
  • wie Leistungszulagen berechnet und verteilt werden.

Tipp: Prüfen Sie Ihren Arbeitsvertrag auf Verweise wie „es gilt der Tarifvertrag für …“. Auch ohne Tarifbindung des Unternehmens kann eine solche Bezugnahmeklausel dafür sorgen, dass tarifliche Erhöhungen für Sie gelten.

Gleichbehandlung: Keine willkürlichen Ausnahmen

Auch ohne Tarifvertrag kann ein Anspruch entstehen, wenn der Arbeitgeber selbst ein System schafft. Erhöht er die Gehälter etwa regelmäßig nach festen, für alle nachvollziehbaren Regeln, darf er einzelne Beschäftigte, die diese Voraussetzungen erfüllen, nicht ohne sachlichen Grund ausnehmen. Juristen sprechen vom arbeitsrechtlichen Gleichbehandlungsgrundsatz.

Wichtig ist der Unterschied zwischen individueller und genereller Regelung:

  • Einzelne Verhandlungsergebnisse begründen in der Regel keinen Anspruch für andere.
  • Allgemeine Erhöhungsrunden oder ein festes Schema müssen dagegen gleichmäßig angewendet werden.

Wer bei einer allgemeinen Anpassung übergangen wurde, sollte nach dem Grund fragen. Kann der Arbeitgeber keinen sachlichen Unterschied benennen, kommt eine Nachzahlung in Betracht.

Diskriminierung ist immer verboten

Unabhängig von allen Systemen gilt: Merkmale wie Geschlecht, Alter, ethnische Herkunft, Religion, Behinderung oder sexuelle Identität dürfen niemals der Grund für eine geringere Bezahlung sein. Besonders beim Thema Entgeltgleichheit zwischen Frauen und Männern hat der Gesetzgeber die Rechte der Beschäftigten gestärkt.

Das Entgelttransparenzgesetz gibt Beschäftigten in größeren Betrieben das Recht, Auskunft darüber zu verlangen, nach welchen Kriterien sie bezahlt werden und wie das Vergleichsentgelt der jeweils anderen Geschlechtergruppe aussieht. Solche Informationen sind wertvoll, denn wer Anhaltspunkte für eine Benachteiligung vorlegen kann, verschiebt die Beweislast: Dann muss das Unternehmen darlegen, dass der Unterschied andere, zulässige Gründe hat.

So gehen Sie konkret vor

Ob Sie einen Rechtsanspruch vermuten oder einfach mehr verdienen möchten, ein strukturiertes Vorgehen hilft:

  1. Unterlagen sichten: Arbeitsvertrag, Tarifvertrag, Betriebsvereinbarungen und frühere Gehaltsmitteilungen zusammentragen.
  2. Informationen einholen: Betriebsrat ansprechen und gegebenenfalls einen Auskunftsanspruch nutzen.
  3. Fristen beachten: Viele Verträge und Tarifverträge enthalten Ausschlussfristen, nach deren Ablauf Ansprüche verfallen. Warten Sie daher nicht zu lange.
  4. Schriftlich geltend machen: Formulieren Sie Ihre Forderung klar und mit Begründung.
  5. Beratung suchen: Gewerkschaften, Fachanwältinnen und Fachanwälte für Arbeitsrecht oder Beratungsstellen helfen bei der Einschätzung.

Besteht kein Anspruch, bleibt das Gehaltsgespräch der richtige Weg. Gut vorbereitet mit Beispielen für übernommene Verantwortung, Erfolgen und Marktvergleichen haben Sie dort die besten Chancen.

Häufige Fragen

Steht mir nach mehreren Jahren im Betrieb automatisch mehr Geld zu?

Nein. Ohne Tarifvertrag, Betriebsvereinbarung oder vertragliche Zusage führt die Dauer der Beschäftigung allein nicht zu einem Anspruch auf eine Erhöhung.

Darf mein Kollege für dieselbe Arbeit mehr verdienen als ich?

Grundsätzlich ja, sofern sachliche Gründe vorliegen und keine Diskriminierung im Spiel ist. Unzulässig wird es, wenn ein allgemeines Vergütungssystem willkürlich angewendet wird oder geschützte Merkmale den Ausschlag geben.

Kann ich erfahren, was andere im Unternehmen verdienen?

Einzelne Gehälter bleiben in der Regel vertraulich. Über das Entgelttransparenzgesetz können Sie in größeren Betrieben aber Auskunft über Kriterien und Vergleichswerte erhalten.

Was tun, wenn ich mich ungerecht bezahlt fühle?

Sammeln Sie Belege, sprechen Sie mit dem Betriebsrat und lassen Sie sich fachlich beraten. Machen Sie mögliche Ansprüche rechtzeitig und schriftlich geltend, damit keine Fristen verstreichen.