Kündigung wegen Krankheit: Wann sie zulässig ist und wie Sie sich schützen
Eine Krankmeldung allein rechtfertigt keine Kündigung, und auch während einer Krankheit kann gekündigt werden. Hier lesen Sie, welche Hürden Arbeitgeber nehmen müssen und was Sie tun können, wenn Ihnen gekündigt wird.
Wer länger ausfällt, hat meist genug mit der eigenen Genesung zu tun. Trotzdem stellen sich viele Beschäftigte früher oder später eine unangenehme Frage: Kann mein Arbeitgeber mich loswerden, weil ich so oft oder so lange krank bin? Die Antwort ist differenzierter, als viele denken. Eine Kündigung im Zusammenhang mit Krankheit ist weder grundsätzlich verboten noch leicht durchzusetzen. Dieser Ratgeber zeigt Ihnen, wo die Grenzen verlaufen und wie Sie Ihre Position stärken.
Zwei verbreitete Irrtümer
Rund um das Thema halten sich hartnäckige Missverständnisse. Zwei davon sollten Sie kennen:
- „Während einer Krankschreibung darf mir nicht gekündigt werden.“ Das stimmt nicht. Eine Arbeitsunfähigkeit schützt nicht vor dem Zugang einer Kündigung. Entscheidend ist allein, ob die Kündigung inhaltlich gerechtfertigt ist.
- „Wer oft krank ist, kann jederzeit entlassen werden.“ Auch das ist falsch. Die Krankheit selbst ist kein Kündigungsgrund. Es geht vielmehr um die Frage, ob dem Betrieb künftige Ausfälle noch zugemutet werden können.
Ein Rauswurf ist also keine Strafe für vergangene Fehltage. Arbeitgeber müssen begründen, warum sie auch in Zukunft mit erheblichen Belastungen rechnen müssen.
Wann der Kündigungsschutz greift
Die strengen Anforderungen an eine krankheitsbedingte Kündigung gelten vor allem dann, wenn das Kündigungsschutzgesetz auf Ihr Arbeitsverhältnis anwendbar ist. Das ist in der Regel der Fall, wenn Sie länger als sechs Monate im Unternehmen beschäftigt sind und der Betrieb eine bestimmte Mindestgröße überschreitet. In Kleinbetrieben und während der Wartezeit ist der Schutz deutlich schwächer. Völlig schutzlos sind Sie aber auch dort nicht: Willkürliche oder diskriminierende Kündigungen bleiben unzulässig, und bei einer Schwerbehinderung gelten besondere Regeln.
Welche Konstellationen Gerichte unterscheiden
Arbeitsgerichte betrachten krankheitsbedingte Kündigungen nicht pauschal, sondern ordnen sie bestimmten Fallgruppen zu:
| Fallgruppe | Typische Situation |
|---|---|
| Häufige Kurzerkrankungen | Immer wieder kurze Ausfälle über einen längeren Zeitraum, etwa durch wiederkehrende Infekte oder Rückenbeschwerden |
| Langzeiterkrankung | Ein Ausfall über viele Monate ohne absehbares Ende |
| Dauerhafte Arbeitsunfähigkeit | Feststeht, dass Sie die bisherige Tätigkeit nie wieder ausüben können |
| Krankheitsbedingte Leistungsminderung | Sie arbeiten, können aber gesundheitsbedingt nur noch deutlich weniger leisten |
Ein einzelner, wenn auch längerer Ausfall nach einem Unfall oder einer Operation, von dem Sie sich voraussichtlich vollständig erholen, trägt eine Kündigung dagegen regelmäßig nicht.
Die Prüfung in drei Schritten
Damit eine Kündigung vor Gericht hält, muss der Arbeitgeber mehrere Hürden nacheinander nehmen:
- Blick in die Zukunft: Zum Zeitpunkt der Kündigung muss objektiv zu befürchten sein, dass die Ausfälle weitergehen. Vergangene Fehlzeiten sind dafür nur ein Indiz. Legen Sie etwa ein ärztliches Attest vor, wonach die Ursache inzwischen behoben ist, kann diese Prognose kippen.
- Spürbare Belastung des Betriebs: Die zu erwartenden Ausfälle müssen den Ablauf erheblich stören oder hohe Kosten verursachen, zum Beispiel durch dauerhafte Lohnfortzahlung oder ständige Vertretungslösungen.
- Abwägung im Einzelfall: Zum Schluss wird gewichtet, was schwerer wiegt. Für Sie sprechen etwa eine lange Betriebszugehörigkeit, Ihr Alter, Unterhaltspflichten oder eine Behinderung. Besonders bedeutsam ist, ob die Erkrankung durch die Arbeit selbst entstanden ist. Dann muss der Arbeitgeber in aller Regel mehr hinnehmen.
Das betriebliche Eingliederungsmanagement
Bevor ein Arbeitgeber kündigt, muss er nach milderen Mitteln suchen. Ein zentrales Werkzeug dafür ist das betriebliche Eingliederungsmanagement, kurz BEM. Sind Sie innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen arbeitsunfähig, ob am Stück oder verteilt, muss Ihnen der Arbeitgeber ein solches Verfahren anbieten. Das gilt unabhängig davon, wie groß der Betrieb ist oder ob es eine Arbeitnehmervertretung gibt.
Was im BEM passieren kann
- Anpassung des Arbeitsplatzes, etwa durch ergonomische Hilfsmittel
- geänderte Arbeitszeiten oder eine stufenweise Rückkehr
- Wechsel in eine andere, gesundheitlich passendere Tätigkeit
- Einbindung von Betriebsarzt, Reha-Trägern oder Integrationsfachdiensten
Freiwillig, aber oft sinnvoll
Die Teilnahme ist für Sie freiwillig, und Diagnosen müssen Sie nicht offenlegen. Dennoch lohnt sich das Gespräch häufig: Es eröffnet Lösungen, an die vorher niemand gedacht hat. Verzichtet der Arbeitgeber auf das Angebot oder führt er es nachlässig durch, wird es für ihn vor Gericht deutlich schwerer, die Kündigung zu rechtfertigen.
So reagieren Sie auf eine Kündigung
Halten Sie eine Kündigung in den Händen, ist schnelles Handeln gefragt:
- Frist im Blick behalten: Eine Kündigungsschutzklage müssen Sie innerhalb von drei Wochen nach Zugang beim Arbeitsgericht erheben. Verstreicht diese Frist, gilt die Kündigung in aller Regel als wirksam.
- Beratung einholen: Gewerkschaften, Fachanwältinnen und Fachanwälte für Arbeitsrecht oder Ihre Rechtsschutzversicherung helfen bei der Einschätzung.
- Unterlagen sammeln: Krankmeldungen, ärztliche Stellungnahmen, Schriftverkehr zum BEM und Ihren Arbeitsvertrag griffbereit halten.
- Arbeitsagentur informieren: Melden Sie sich zeitnah arbeitsuchend, um Nachteile beim Arbeitslosengeld zu vermeiden.
Häufige Fragen
Muss ich meinem Arbeitgeber sagen, woran ich erkrankt bin?
Nein. Die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung enthält keine Diagnose. Im Streitfall kann es aber sinnvoll sein, Ihre Ärztin oder Ihren Arzt eine positive Prognose bestätigen zu lassen.
Kann ich ein BEM ablehnen?
Ja, die Teilnahme ist freiwillig. Bedenken Sie aber, dass Sie damit eine Chance auf passende Lösungen aufgeben, die eine Kündigung womöglich verhindern.
Bekomme ich nach einer Kündigung weiter Lohnfortzahlung?
Erfolgt die Kündigung wegen der Erkrankung, endet der Anspruch auf Entgeltfortzahlung nicht automatisch mit dem Arbeitsverhältnis. Danach springt in der Regel die Krankenkasse mit Krankengeld ein.
Lohnt sich eine Klage, wenn ich ohnehin nicht zurückwill?
Häufig ja. Viele Verfahren enden mit einem Vergleich, etwa über eine Abfindung oder ein wohlwollendes Zeugnis. Lassen Sie sich dazu individuell beraten.


