Hamburg – Sie fängt beim Essen in der Kantine an und hört bei den Möglichkeiten der individuellen Weiterbildung noch lange nicht auf: Die Kultur eines Unternehmens entscheidet darüber, wie wohl sich Mitarbeiter bei ihrem Arbeitgeber fühlen – und wie lange sie bei ihm bleiben möchten.

Das Thema gewinnt zunehmend an Relevanz: Zurzeit sei die Bewerberlage in vielen Bereichen knapp. «Unternehmen müssen sich sehr anstrengen, um gute Leute zu finden», sagt Jürgen Bock, Berater für Unternehmenskulturentwicklung und digitalen Wandel aus Hamburg.

Viele Unternehmen setzen heute auf eine sehr junge, moderne Kultur: Hierarchien werden flacher, Mitarbeiter duzen Chefs, strenge Dresscodes werden abgebaut. «Man kann aber nicht grundsätzlich sagen, welche Art von Unternehmenskultur gut oder schlecht ist», sagt Business Coach Wiebke Schorstein aus Erfurt.

Denn: «Es gibt Firmen, die sehr hierarchisch oder patriarchalisch organisiert sind und in diesem Stil gut funktionieren», sagt Schorstein. Schließlich wissen einige Mitarbeiter klare Anweisungen und straffe Hierarchien zu schätzen – andere fühlen sich in einem Start-up mit großem Entscheidungsspielraum wohler. «Wichtig ist, dass die Kultur stimmig ist, auf allen Ebenen gelebt wird und zu den Mitarbeitern und Kunden des Unternehmens passt.»

Denn nicht jede Abteilung kann mit einem Tischkicker oder bunten Sitzsäcken etwas anfangen – manchmal reicht eine gemeinsame Kaffeerunde am Nachmittag. «Wer erst einmal bei sich selbst und im eigenen Team eine positive Kultur etabliert, hat den wichtigsten Schritt geschafft», sagt Laura Letschert, Coach für Führungskräfteentwicklung aus Köln. «Oft strahlt das auf andere Abteilungen ab und kann auf Dauer eine Wirkung im gesamten Unternehmen entfalten.»

Zumal erst das tagtägliche Miteinander im Team die Kultur für Arbeitnehmer greifbar mache. «Oft helfen schon kleine Rituale wie ein kurzes Meeting jeden Morgen: Zehn Minuten, in denen man sich auf den aktuellen Stand bringt und gemeinsam auf den Tag einstimmt», erklärt Letschert. Auch die Art, wie im Unternehmen mit Fehlern und Konflikten umgegangen wird, sei entscheidend für die gefühlte Kultur.

Die Bandbreite an Unternehmenskulturen reicht von der Gestaltung des Arbeitsplatzes und der Qualität des Mittagessens, bis zum Gefühl, das der Vorstand und die Geschäftsführung vermitteln: «Geht es eher um das Erscheinungsbild oder um Inhalte? Werden Mitarbeiter gefördert und besteht ein offener Austausch mit der Führungsebene? Oder herrscht eher ein Gefühl von Angst?», zählt Bock auf.

Wichtig ist dabei nicht nur, welche Grundsätze kommuniziert werden – sondern welche tatsächlich den Arbeitsalltag bestimmen. «Die Unternehmenskultur besteht aus meiner Sicht in der Gesamtheit aller gelebten Werte», sagt Schorstein.

«Dazu gehören sichtbare Zeichen wie Kleidungsstil oder Logos.» Aber auch Regeln und Leitsätze sowie Grundannahmen, über die man überhaupt nicht mehr nachdenkt, weil man sie nur unbewusst wahrnimmt. Schorstein nennt Beispiele: Will das Unternehmen nachhaltig wirtschaften oder agiert es maximal gewinnorientiert? Geht der Chef davon aus, dass Mitarbeiter grundsätzlich faul sind und deshalb motiviert werden müssen? Oder nimmt die Geschäftsführung an, dass jeder Einzelne etwas bewirken will?

Auch die Ansprüche der Arbeitnehmer sind laut Bock gestiegen: Habe man sich früher kaum getraut, nach Freiheiten für die persönliche Lebensgestaltung zu fragen, fordern Mitarbeiter heute ganz selbstverständlich Gestaltungsspielräume und ein angenehmes Arbeitsumfeld ein.

Wer schon als Bewerber erfahren möchte, welche Kultur ihn bei einem Arbeitgeber erwartet, sollte sich nicht nur auf den Eindruck aus sozialen Medien und Bewertungsplattformen verlassen. Es hilft, im Auswahlprozess auf Details zu achten. «Schon der Umgang mit Bewerbern sagt viel über ein Unternehmen aus», sagt Bock. Wie werde ich empfangen? Gibt es einen Austausch auf Augenhöhe?

Einen besonders guten Einblick erhalten Bewerber, wenn sie um einen Rundgang durchs Büro bitten. «Viele Unternehmen sind offen dafür und geben diese Einblicke gerne», sagt Bock. Und wird der Wunsch abgelehnt, sei dies auch ein Hinweis, welche Kultur einen dort erwartet.

Fotocredits: Andriy Popov,Hauke Gilbert,Andreas Pöcking,Julia Walter
(dpa/tmn)

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