Krankgeschrieben und zum Gespräch geladen: Was Beschäftigte wissen sollten
Während einer Arbeitsunfähigkeit müssen Sie in aller Regel nicht im Büro zum Personalgespräch erscheinen. Wo die Grenzen liegen, welche Ausnahmen es gibt und wie Sie souverän reagieren, lesen Sie hier.
Das Telefon klingelt, die Mail der Personalabteilung liegt im Postfach: Sie sollen zu einem Gespräch in den Betrieb kommen. Das Problem: Sie liegen mit einer ärztlichen Krankschreibung zu Hause. Viele Beschäftigte fühlen sich in dieser Lage unter Druck gesetzt und fragen sich, ob ein Fernbleiben Ärger nach sich zieht. Die gute Nachricht vorweg: Eine Arbeitsunfähigkeit verschafft Ihnen einen deutlichen Schutzraum. Ganz ohne Pflichten sind Sie allerdings auch nicht. Dieser Beitrag zeigt, wie die Rechtslage grundsätzlich aussieht und wie Sie klug vorgehen.
Warum Krankheit von der Gesprächspflicht befreit
Arbeitgeber dürfen im Rahmen ihres Weisungsrechts festlegen, wie, wann und wo die Arbeit erledigt wird. Dazu gehört auch, Mitarbeitende zu Besprechungen über ihre Tätigkeit zu bitten. Im normalen Arbeitsalltag ist ein solches Gespräch daher meist verbindlich.
Dieses Weisungsrecht hängt jedoch an der Arbeitspflicht. Wer arbeitsunfähig erkrankt ist, schuldet vorübergehend keine Arbeitsleistung. Damit entfällt auch die Grundlage, Sie zu einem Termin über Ihre Arbeit in den Betrieb zu beordern. Entscheidend ist dabei nicht, ob Sie sich gesundheitlich in der Lage fühlen würden, eine Stunde am Besprechungstisch zu sitzen. Arbeitsunfähigkeit gilt im Arbeitsrecht grundsätzlich als Ganzes – eine Aufteilung in „krank für die Arbeit, aber fit fürs Gespräch“ sieht das Gesetz nicht vor.
Die Ausnahmen: Wann Kontakt trotzdem zumutbar ist
Die Gerichte haben anerkannt, dass Arbeitgeber in eng begrenzten Fällen auch während einer Krankheit Kontakt suchen dürfen. Das gilt etwa, wenn ein dringender betrieblicher Anlass besteht, der nicht bis zu Ihrer Rückkehr warten kann. Typische Beispiele:
- Sie verfügen als Einzige über wichtige Informationen, etwa zu Zugangsdaten, laufenden Fristen oder dem Stand eines Kundenauftrags.
- Eine kurze Abstimmung ist nötig, damit Kolleginnen und Kollegen Ihre Aufgaben übernehmen können.
- Es geht um Ihre Rückkehr an den Arbeitsplatz und mögliche Anpassungen.
Auch in solchen Fällen gilt: Das Anliegen muss sich auf das Nötigste beschränken. Häufig genügt ein kurzes Telefonat oder eine Mail. Ein persönliches Erscheinen im Betrieb kann nur ausnahmsweise verlangt werden und auch nur dann, wenn es Ihnen gesundheitlich zumutbar ist. Allgemeine Leistungsbeurteilungen, Zielvereinbarungen oder Kritikgespräche gehören nicht zu diesen Ausnahmen.
Sonderfall: Gespräche zur Wiedereingliederung
Sind Sie innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen ununterbrochen oder wiederholt arbeitsunfähig, muss Ihr Arbeitgeber Ihnen ein betriebliches Eingliederungsmanagement anbieten. Ziel ist es, Ihre Gesundheit zu schützen und den Arbeitsplatz langfristig zu sichern. Die Teilnahme daran ist freiwillig. Sie können zustimmen, ablehnen oder den Zeitpunkt mitbestimmen. Viele Beschäftigte erleben diese Gespräche als hilfreich, weil konkrete Lösungen wie angepasste Arbeitszeiten oder technische Hilfsmittel besprochen werden. Eine Pflicht besteht aber nicht – und eine Ablehnung darf Ihnen nicht als Pflichtverletzung ausgelegt werden.
Wenn der Arbeitgeber mit Konsequenzen droht
Manche Arbeitgeber reagieren auf ein Fernbleiben mit einer Abmahnung oder sogar mit einer Kündigung. Lehnen Sie während einer Krankheit ein Gespräch ab, das nicht unter die genannten Ausnahmen fällt, verletzen Sie keine arbeitsvertragliche Pflicht. Eine darauf gestützte Abmahnung oder verhaltensbedingte Kündigung steht deshalb auf wackligen Füßen.
Wichtig zu wissen: Eine Krankschreibung schützt nicht generell vor einer Kündigung. Ein Arbeitsverhältnis kann auch während einer Erkrankung beendet werden. Ob die Kündigung wirksam ist, hängt von den Gründen und den Umständen ab. Erhalten Sie eine Kündigung, sollten Sie schnell handeln, denn für eine Klage vor dem Arbeitsgericht gilt eine kurze Frist von drei Wochen ab Zugang.
So reagieren Sie souverän
Ein offenes, sachliches Verhalten vermeidet Eskalation und dokumentiert Ihre Position. Bewährt hat sich folgendes Vorgehen:
- Schriftlich antworten: Teilen Sie freundlich mit, dass Sie krankgeschrieben sind und den Termin deshalb nicht wahrnehmen können.
- Nach dem Anlass fragen: Bitten Sie um Auskunft, worum es gehen soll. So lässt sich einschätzen, ob ein dringender Ausnahmefall vorliegt.
- Alternativen anbieten: Gibt es wirklich eine eilige Frage, können Sie eine kurze schriftliche Antwort oder ein Telefonat anbieten – sofern Ihr Gesundheitszustand das erlaubt.
- Einen Termin nach der Genesung vorschlagen: Das zeigt Kooperationsbereitschaft, ohne Ihre Erholung zu gefährden.
- Alles aufbewahren: Speichern Sie Einladungen, Antworten und Notizen zu Telefonaten.
Bei Abmahnung, Kündigung oder anhaltendem Druck lohnt sich der Rat einer Fachanwältin oder eines Fachanwalts für Arbeitsrecht. Mitglieder einer Gewerkschaft erhalten dort in der Regel ebenfalls Unterstützung, und auch der Betriebsrat kann eine gute erste Anlaufstelle sein.
Häufige Fragen
Muss ich während der Krankschreibung ans Telefon gehen?
Eine generelle Erreichbarkeitspflicht besteht nicht. Bei dringenden betrieblichen Fragen kann eine kurze Auskunft aber zumutbar sein, etwa wenn nur Sie wissen, wo wichtige Unterlagen liegen.
Darf mein Arbeitgeber nach meiner Diagnose fragen?
Nein. Die Diagnose geht Ihren Arbeitgeber grundsätzlich nichts an. Sie müssen lediglich die Arbeitsunfähigkeit und deren voraussichtliche Dauer melden.
Kann ich freiwillig an einem Gespräch teilnehmen?
Ja, wenn Sie das möchten und es Ihrer Genesung nicht schadet. Klären Sie im Zweifel vorher mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, ob der Termin unbedenklich ist.
Ist eine Abmahnung wegen eines verpassten Gesprächs gültig?
Wurde das Gespräch nicht aus einem dringenden Ausnahmegrund angesetzt, fehlt meist eine Pflichtverletzung. Sie können dann die Entfernung der Abmahnung aus der Personalakte verlangen oder eine Gegendarstellung beifügen lassen.


