Düsseldorf – Vincenzo Traviglia nimmt Platz im Führerstand eines Nahverkehrszuges am Düsseldorfer Hauptbahnhof. Vor sich hat der 50-Jährige seinen künftigen Arbeitsplatz: Ein blaues Pult mit vielen Hebeln, Köpfen und Anzeigen.

Für ihn geht damit ein Kindheitstraum in Erfüllung, wie er sagt. Traviglia schult in rund 10 Monaten zum Lokführer bei der Deutschen Bahn um. «Ich war davor über 16 Jahre lang Filialleiter bei zwei Discounter-Ketten», erzählt der gut 1,90 Meter große Mann mit grauem Vollbart und spanisch-italienischen Wurzeln.

Doch zuletzt habe er gemerkt, dass der vom hohen Arbeitsdruck geprägte Einzelhandel nicht mehr das Richtige für ihn gewesen sei. Nach der Umschulung werde er dann im Raum Köln-Düsseldorf Züge fahren.

Ausbildungskurs bei der Deutschen Bahn

Wie Traviglia haben sich auch Menschen aus anderen Branchen entschieden, Lokführer zu werden. In seinem Ausbildungskurs seien Kollegen aus dem Bergbau oder Lkw-Fahrer. Die Altersspanne reiche von Mitte 20 bis Mitte 50. Grundsätzlich sei vom Bäcker bis zum Kfz-Mechatroniker alles dabei, sagt DB-Personalrecruiterin Julia Matthie.

Während derzeit einige Unternehmen in anderen Branchen Stellen abbauten, würden bei der Deutschen Bahn viele neue Mitarbeiter benötigt. So suche die Bahn zum Beispiel auch bei Ford. Der Autokonzern baut derzeit am Kölner Standort einige Tausend Stellen ab. Auch bei der Ruhrkohle AG habe sich die Bahn mit ihren Jobmöglichkeiten schon den dortigen Mitarbeitern vorgestellt.

Fachkräfte- und Lokführermangel beschäftigen die Bahnunternehmen in ganz Deutschland. Laut dem Bündnis Allianz pro Schiene kommen bundesweit auf 100 offene Lokführerstellen nur 25 Bewerber. «Wenn es nicht gelingt, zusätzliche Lokführer zu gewinnen, kann Nordrhein-Westfalen die Pendler- und Güterströme nicht bewältigen», warnt der Geschäftsführer des Bündnisses, Dirk Flege.

Tausende neue Mitarbeiter gesucht

Die Deutsche Bahn hat einen gigantischen Bedarf. In diesem Jahr sollen nach Unternehmensangaben rund 22.000 neue Mitarbeiter in den verschiedensten Bereichen eingestellt werden und in den kommenden Jahren sogar 100.000. Allein bei den Lokführern erhielten 2019 nach aktuellem Stand bereits 1600 Bewerber eine Jobzusage.

Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen sorgen die Großprojekte Rhein-Ruhr-Express (RRX) und S-Bahn Rhein-Ruhr für neuen Mitarbeiterbedarf. Das Unternehmen Abellio, das für die Linien RE1 des RRX und auch Teile der S-Bahn Rhein-Ruhr zuständig ist, sucht dafür nach eigenen Angaben um die 100 Lokführer.

Vom Fachkräftemangel sieht sich auch Keolis betroffen. Das Unternehmen betreibt zwei S-Bahn-Linien und müsse dazu 120 Lokführer-Stellen besetzen. Ähnlich wie bei der Deutschen Bahn werden hier ebenfalls Quereinsteiger umgeschult. Darunter sind laut Keolis auch Frauen, die mitunter nach ihrer Erziehungszeit in ihrem ursprünglich erlernten Beruf nicht mehr Fuß fassen könnten.

Diskussion um autonomes Fahren

Ob Quereinsteiger oder Auszubildende, um den Lokführerberuf attraktiv zu machen, müssten Politik und Arbeitgeber «die Mär vom autonomen Fahren der Züge ab 2023» beerdigen, meint der Bundesvorsitzende der Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky. Es sei klar, dass autonome Züge in den kommenden 10 bis 20 Jahren nicht im gemischten Verkehr und in der Fläche fahren werden. Auch für die Deutsche Bahn liegt ein solches Vorhaben den Unternehmensangaben zufolge aufgrund des komplexen Schienennetzes noch in ferner Zukunft.

Für die neuen
Lokführer bedeutet der Quereinstieg mitunter auch weniger Gehalt als in ihrem vorherigen Berufsleben. Als Quereinsteiger bei der Deutschen Bahn starte man mit rund 30.000 Euro brutto Ausbildungsgehalt, sagt DB-Personalrecruiterin Matthie.

Verdienstmöglichkeiten

Ex-Filialleiter Traviglia ist das nicht so wichtig, wie er sagt. Er habe noch etwa 17 Berufsjahre und möchte lieber etwas arbeiten, das ihm Spaß mache. Als Berufseinsteiger nach der Ausbildung erhält man laut Matthie 38.000 Euro. Bis zu 50.000 Euro könne ein Lokführer je nach Berufserfahrung inklusive Zulagen und Weihnachtsgeld verdienen.

Nach vielen Wochen Theorie und Fahrten im Simulator geht es für Traviglia im September von der digitalen auf die echte Schiene, erzählt er mit großer Vorfreude in den Augen. Ungefähr 140 Signale und ihre Bedeutung kenne er unter anderem jetzt. Mit einem Paten, der ihn einweist, werde er dann erstmals eine S-Bahn fahren.

Fotocredits: David Young
(dpa)

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