Die Karriereleiter

Die ersten Schritte zum Erfolg

Ratgeber

Mit Handicap in die Ausbildung: So finden Sie den passenden Beruf

Eine Behinderung schließt kaum einen Berufsweg von vornherein aus, verändert aber die Fragen, die Sie sich bei der Berufswahl stellen sollten. Dieser Ratgeber zeigt, wie Sie Ihre Möglichkeiten realistisch ausloten, Berufe testen und die richtige Unterstützung finden.

Junger Erwachsener im Rollstuhl arbeitet seitlich gesehen an einer Werkbank in einer Lehrwerkstatt

Die Berufswahl ist für fast alle jungen Menschen ein großer Schritt. Wer mit einer körperlichen, psychischen oder Lernbeeinträchtigung lebt, steht dabei vor ein paar zusätzlichen Fragen: Welche Tätigkeiten liegen mir wirklich? Wo könnte mein Handicap im Alltag eine Rolle spielen und wo gar nicht? Und wer hilft mir, wenn ich nicht weiterweiß? Die gute Nachricht: Für diese Fragen gibt es Antworten, Anlaufstellen und erprobte Wege. Wer sie kennt, trifft eine Entscheidung, die trägt.

Ein ehrlicher Blick auf sich selbst

Am Anfang steht keine Stellenbörse, sondern eine Bestandsaufnahme. Es geht dabei nicht darum, sich kleinzureden, sondern darum, ein realistisches Bild zu gewinnen. Hilfreich ist es, die eigenen Eigenschaften in drei Spalten zu sortieren:

  • Das kann ich gut: etwa genaues Arbeiten, Geduld, handwerkliches Geschick, Umgang mit Zahlen oder mit Menschen.
  • Das fällt mir schwer: zum Beispiel langes Stehen, Zeitdruck, viel Lesestoff oder laute Umgebungen.
  • Das brauche ich, um gut arbeiten zu können: feste Abläufe, Pausen, ein barrierefreier Arbeitsplatz oder technische Hilfsmittel.

Gerade die dritte Spalte wird oft vergessen, ist aber entscheidend. Ein Mensch mit Hörbeeinträchtigung kann im Büro hervorragend arbeiten, wenn Absprachen schriftlich laufen. Wer schnell erschöpft ist, findet vielleicht in einem Beruf mit planbaren Arbeitszeiten eher seinen Platz als im Schichtdienst. Bitten Sie ruhig Menschen, die Sie gut kennen, um ihre Einschätzung, und vergleichen Sie diese mit Ihrer eigenen. Wichtig ist, dass am Ende Ihr Bild steht und nicht nur das Wunschbild anderer.

Berufe ausprobieren statt nur darüber nachdenken

Kein Test und keine Beschreibung ersetzt die Erfahrung vor Ort. Nutzen Sie jede Gelegenheit, in Berufe hineinzuschnuppern:

  • Schulpraktika gezielt wählen, nicht nur dort, wo gerade ein Platz frei ist.
  • Ferienpraktika und Probetage bei Betrieben, die Sie interessieren.
  • Berufsorientierungsangebote der Schule, von Kammern oder Bildungsträgern.

Achten Sie dabei nicht nur darauf, ob Ihnen die Aufgaben Spaß machen. Beobachten Sie auch: Wie fühle ich mich am Ende des Tages? Was war anstrengender als gedacht? Was ging leichter? Notizen nach jedem Praktikumstag helfen später enorm bei der Entscheidung und auch im Beratungsgespräch.

Welche Wege in die Ausbildung es gibt

Eine Ausbildung mit Behinderung muss nicht anders aussehen als jede andere. Je nach Unterstützungsbedarf gibt es aber verschiedene Formen:

AusbildungsformFür wen geeignet
Reguläre betriebliche AusbildungWenn mit kleinen Anpassungen am Arbeitsplatz oder in der Prüfung alles gut machbar ist
Betriebliche Ausbildung mit BegleitungWenn zusätzlich Nachhilfe, Coaching oder sozialpädagogische Unterstützung sinnvoll ist
Fachpraktiker-AusbildungenWenn ein Beruf mit geringerem Theorieanteil und stärkerem Praxisbezug besser passt
Ausbildung in einer spezialisierten EinrichtungWenn umfassende medizinische, therapeutische oder pädagogische Begleitung nötig ist, etwa in einem Berufsbildungswerk

Kein Weg ist besser oder schlechter als der andere. Ein späterer Wechsel ist oft möglich: Wer etwa als Fachpraktikerin startet, kann je nach Beruf und Leistung später den Abschluss im Vollberuf anstreben. Außerdem gibt es in Prüfungen die Möglichkeit eines Nachteilsausgleichs, zum Beispiel mehr Zeit oder angepasste Prüfungsunterlagen. Fragen Sie frühzeitig bei der zuständigen Kammer nach, wie das beantragt wird.

Offen sprechen: wann und wie

Ob und wann Sie Ihre Beeinträchtigung im Bewerbungsprozess erwähnen, entscheiden in aller Regel Sie selbst. Viele Fachleute raten dennoch zur Offenheit, denn sie schafft Vertrauen und erleichtert es dem Betrieb, passende Bedingungen zu schaffen. Entscheidend ist der Ton: Beschreiben Sie nicht in erster Linie Einschränkungen, sondern Lösungen.

  • Nennen Sie kurz, um welche Beeinträchtigung es geht, soweit sie für die Arbeit relevant ist.
  • Erklären Sie, was Sie bereits gut im Griff haben und welche Strategien sich bewährt haben.
  • Sagen Sie konkret, was Ihnen hilft, etwa ein höhenverstellbarer Tisch oder schriftliche Arbeitsanweisungen.
  • Weisen Sie darauf hin, dass Betriebe für solche Anpassungen häufig Fördermittel beantragen können.

So zeigen Sie, dass Sie sich gut kennen. Für viele Ausbildungsbetriebe ist genau das ein starkes Argument.

Diese Stellen unterstützen Sie

Allein durch den Dschungel aus Angeboten zu gehen, ist nicht nötig. Wichtige Ansprechpartner sind:

  • Die Berufsberatung der Agentur für Arbeit, insbesondere die Beratung für berufliche Rehabilitation und Teilhabe.
  • Integrationsfachdienste, die bei Übergang, Bewerbung und Ausbildung begleiten.
  • Integrations- bzw. Inklusionsämter, die vor allem Arbeitgebende bei Anpassungen beraten und fördern.
  • Lehrkräfte und Schulsozialarbeit, die oft gut vernetzt sind.
  • Programme der Bundesländer, etwa Coaching oder Begleitung beim Berufseinstieg; das Angebot unterscheidet sich je nach Region.

Beginnen Sie möglichst früh, idealerweise ein bis zwei Schuljahre vor dem Abschluss. Dann bleibt Zeit für Praktika, Anträge und einen Plan B.

Häufige Fragen

Muss ich meine Behinderung in der Bewerbung angeben?

In der Regel nein. Sinnvoll ist es aber oft, sie anzusprechen, wenn sie für die Tätigkeit eine Rolle spielt oder Sie Anpassungen benötigen.

Bekomme ich in der Abschlussprüfung Erleichterungen?

Ein Nachteilsausgleich ist möglich, etwa mehr Bearbeitungszeit oder Hilfsmittel. Er muss rechtzeitig bei der zuständigen Kammer beantragt werden.

Was ist, wenn ich mir bei meiner Berufswahl unsicher bin?

Dann sind weitere Praktika und ein Gespräch mit der Reha-Beratung der Agentur für Arbeit der beste nächste Schritt. Auch berufsvorbereitende Maßnahmen können helfen, Klarheit zu gewinnen.

Kann ein Betrieb Unterstützung erhalten, wenn er mich ausbildet?

Ja, je nach Situation sind Zuschüsse oder Hilfen für die Ausstattung des Arbeitsplatzes möglich. Ansprechpartner sind die Agentur für Arbeit und das Integrations- bzw. Inklusionsamt.