Veitshöchheim/Albig (dpa/tmn) – 40. Wenn es gut läuft, steht diese Zahl am Ende einer Karriere als Winzer. So oft hat er seine Rebstöcke beschnitten, die Trauben geerntet und daraus Wein gemacht, jeweils ein gutes Jahr lang.

Andere Berufstätige behandeln in der gleichen Zeit Tausende Patienten, decken Städte voller Dächer oder schreiben unzählige Artikel. Der Winzer dagegen blickt mit Eintritt des Rentenalters höchstens auf 40 Wein-Jahrgänge zurück. Wer macht einen solchen Beruf?

Sebastian Klüpfel zum Beispiel. Der 20-Jährige hat gerade die
Ausbildung zum Winzer beendet und hängt jetzt noch die Ausbildung zum Weintechnologen an. Was fasziniert ihn an dem Job? «Man kann mit dem Wein einfach unglaublich viel machen», sagt er. «Von der Hefe, die man einsetzt, bis zum Reifeprozess gibt es da ganz viele Einflussmöglichkeiten.»

Drei Jahre dauert die Ausbildung zum Winzer. «Das erste Jahr waren wir fast nur in der Berufsschule», erzählt Klüpfel – erst danach ging es in den Betrieb. Für den 20-Jährigen war das die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) in Veitshöchheim bei Würzburg. Ein Glücksgriff, wie Klüpfel sagt: «Ich bekomme hier wirklich viel erklärt, von der Traubenproduktion bis zur Vermarktung», sagt er. «Und zwar im Weinberg und im Keller.»

Im Keller: So nennen Winzer den Teil ihrer Arbeit, bei dem aus den Trauben Wein wird – vom Pressen über die Gärung bis zum sogenannten Abstechen, Filtrieren und Abfüllen. An der LWG nimmt dieser Prozess einen größeren Teil der Ausbildung ein. Im Weinberg selbst war Klüpfel nur etwa 50 Prozent der Zeit, vor allem ab März bis zur Weinlese im September.

Zu tun gibt es immer, und zwar an beiden Orten. Die meiste Arbeit fällt zwar zur Weinlese rund um den Herbstanfang an. Leerlauf kennen Winzer aber auch sonst nicht, sagt Tobias Jung, der gemeinsam mit seiner Frau Melanie das Weingut Jung & Knobloch im rheinland-pfälzischen Albig leitet.

Bei seinen Azubis ist Jung die Liebe zur Natur am wichtigsten – der Kern des Geschäfts bleibt schließlich der Weinberg und der Rebstock mit seinen Trauben. Ohne Liebe zum Wein geht es aber auch nicht.

Wichtiger ist aber eine große Portion Frustrationstoleranz. «Wir hatten 2017 Frost Ende April», erzählt Jung. «Und dann Ende August einen Hagelschlag. Das hat uns einen Großteil unserer Trauben gekostet – ohne, dass wir irgendwas falsch gemacht hätten.» 2017 sei zwar ein besonders schlimmer Fall. Dass schlechtes Wetter mühsame, monatelange Arbeit verdirbt, kommt aber immer wieder vor. Wer damit nicht umgehen kann, wird vermutlich kein glücklicher Winzer.

Experten wie Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut gehen sogar davon aus, dass die Zahl schädlicher Wetterextreme aufgrund des Klimawandels in Zukunft zunehmen wird. Ein paar Grundkenntnisse der Meteorologie können also nicht schaden – genau wie aus anderen Wissenschaften. Hinzu kommt das Kaufmännische rund um Vermarktung und Verkauf – zumindest für Winzer, die mit einem eigenen Weingut liebäugeln.

Bei dem breiten Anforderungsprofil wundert es wenig, dass es mit der Ausbildung zum Winzer für die meisten Nachwuchs-Weinbauern noch nicht vorbei ist. Als Alternative oder ergänzende duale Ausbildung gibt es zum Beispiel den Weintechnologen, den Sebastian Klüpfel gerade nachlegt, und der ebenfalls drei Jahre dauert.

Für die Ausbildung zum Winzer ist die Hochschulreife keine Voraussetzung – auch wenn gut die Hälfte der Betriebe laut Bundesagentur für Arbeit bevorzugt solche Azubis einstellt. Die Vergütung ist allerdings alles andere als üppig: Laut den Richtwerten der Agentur liegt sie im ersten Jahr zwischen 520 und 630, im dritten Jahr dann zwischen 615 und 730 Euro.

Fotocredits: Ralf Hirschberger,Karl-Josef Hildenbrand,Karl-Josef Hildenbrand,Karl-Josef Hildenbrand,Karl-Josef Hildenbrand,Karl-Josef Hildenbrand,Karl-Josef Hildenbrand,Karl-Josef Hildenbrand,Karl-Josef Hildenbrand

(dpa)