Zürich/Dortmund – Wer das Zehnfingersystem gelernt hat, ist meist mächtig stolz darauf. Und wer beim Tippen eher nach dem Adlersuchsystem verfährt, preist gerne die eigene Technik an. Aber ist das eine tatsächlich effektiver als das andere? Und muss man das Zehnfingersystem überhaupt noch lernen?

Das Prinzip ist relativ einfach, angefangen mit der sogenannten Grundposition. Die Finger der linken Hand belegen die Tasten A, S, D, F – angefangen mit dem kleinen Finger auf dem «A». Die Finger der rechten Hand liegen ab dem Zeigefinger auf J, K, L und Ö. Von dort aus bewegen sie sich nach unten oder oben zu dem nächstgelegenen Buchstaben. Die Daumen schweben über der Leertaste.

Trotz Schwächen konkurrenzlos

«Wir haben bisher keine bessere Art entwickelt, wie wir jemandem Tippen beibringen können. Somit ist es weiterhin das beste, aber auch das einzige System, auf das wir zurückgreifen können», sagt Anna Maria Feit. Sie arbeitet am Lehrstuhl für Informatik an der ETH Zürich und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem Themenbereich der Texteingabe. Die Forscherin ist von der Methode zwar «nicht überzeugt», mangels Alternativen erlaubt sie sich jedoch «keine zu strenge Meinung».

Das System hat jedenfalls nicht nur Vorteile: Laut Feit könnten wir zum Beispiel im Deutschen einige Wörter viel schneller eingeben, wenn häufig verwendete Buchstaben auf der Tastatur besser positioniert wären. Gleichzeitig bräuchte es nicht alle zehn Finger für das Tastschreiben. «Man bekäme das schon mit sechs ganz gut hin».

Tippgeschwindigkeit: Adlersucher nicht im Nachteil

2016 hat Feit mit anderen Forschern an der Aalto-Universität in Helsinki unterschiedliche Tastschreibstile untersucht und mit dem Zehnfingersystem verglichen. Das Ergebnis: Teilnehmende, die sich eine eigene Technik angeeignet hatten, waren zum Teil genauso schnell wie 10-Finger-Tipper. Allerdings zeigte sich in der Studie, dass sie deutlich häufiger auf ihre Finger und die Tastatur schauten.

Das bestätigt Regina Hofmann vom Deutschen Stenografenbund. Sie kenne niemanden, der mit Eigensystem blind tippt. «Beim Zehnfingersystem hingegen gucken Sie nicht mehr auf die Tastatur. Sie wissen, welche Wege die Finger zu gehen haben».

Vorteil für die Gesundheit

Das wiederum kann der Gesundheit entgegenkommen, meint Thomas Brockamp, Präventionsexperte der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU). «Wenn man das Zehnfingersystem beherrscht, hat man eine gut strukturierte Führung der Hand. Denn ähnlich der Haltung eines Klavierspielers, sollte darauf geachtet werden, dass das Handgelenk nicht abknickt».

Je einfacher einem das Tastschreiben falle, umso mehr könne man sich auf die richtige Haltung der Hand konzentrieren, erläutert der Facharzt. «Anders, als wenn man immer überlegt, wo jetzt der nächste Buchstabe ist».

Tippen lernen in Eigenregie oder im Kurs

Das Tippsystem zu lernen, kann sich also lohnen. Wer will, bringt es sich selbst mit Fachbüchern oder Online-Schreibprogrammen bei. Auch bieten etwa Volkshochschulen Kurse an – für Erwachsene ebenso wie für Kinder und Jugendliche. Hofmann sieht darin einen Vorteil: «Je früher man das Zehnfingerschreiben lernt, umso besser kann man es anwenden.»

Selbst Anna Maria Feit hält das für wichtig. «Ich habe schon Jugendliche kennengelernt, die mir gesagt haben, sie besäßen gar keine Tastatur oder schrieben eigentlich nie darauf. Sie hätten ihr Handy dafür». Dabei werde das im Arbeitsleben gebraucht.

Gleichwohl spielt diese Fähigkeit in vielen anderen Bürojobs eine untergeordnete Rolle. Dazu kommt die zunehmende Bedeutung von Sprachassistenten und Transkriptionsprogrammen. «Ich denke dennoch nicht, dass das Erlernen des Zehnfingersystems dadurch überflüssig wird», sagt Jan Kluczniok vom Online-Portal «Netzwelt».

Der Einsatz entsprechender Software sei schließlich gar nicht in jedem Job möglich, «beispielsweise im Großraumbüro». Und beim Schreiben längerer Texte werde man auch in Zukunft eigenständig Korrekturen oder Umstellungen vornehmen müssen. «Die gehen dann mit zehn Fingern deutlich flinker von der Hand.»

Fotocredits: Christin Klose,Catherine Waibel,Thomas Brockamp,netzwelt.de
(dpa/tmn)

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