Berlin/Tübingen – Mehr als 20 000 Studiengänge gibt es in Deutschland. Das macht die Studienwahl nicht gerade einfach. Vielen Schulabgängern fällt es schwer zu entscheiden, womit sie sich die nächsten Jahre beschäftigen möchten.

Einige Hochschulen bieten darum ein fächerübergreifendes Orientierungsstudium an. Dabei müssen sich Studierende nicht sofort auf ein Fach festlegen und können herausfinden, ob der akademische Weg überhaupt das Richtige ist.

Wichtig sei, den Begriff Orientierungsstudium nicht falsch zu verstehen, sagt Christian Tauch, Leiter des Bereichs Bildung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). «Ein Orientierungsstudium ist kein Studiengang mit eigenem Studienabschluss.»

Zudem würden an den Hochschulen verschiedene Konzepte und Formate angeboten. So könnten die Hochschulen unter dem Begriff zum Beispiel ein Orientierungssemester oder zweisemestrige Präsenz-Studien verstehen. Einend sei aber, dass sich alle Programme als Entscheidungs- und Orientierungshilfe verstünden.

Hilfe für Unentschlossene

Ein Orientierungsstudium ist deshalb besonders für Personen interessant, die noch unentschlossen sind, welcher Studiengang für sie innerhalb einer breiten Wissenschaftsdisziplin der richtige sei. Dies biete sich einerseits für diejenigen an, die vielseitig interessiert und talentiert seien. Anderseits auch für solche, die nicht wissen, ob ein Studium überhaupt das Richtige ist.

Dies sieht auch Christian Schröder so, Projektleiter des Orientierungsstudiums
Mintgrün an der Technischen Universität (TU) Berlin. Die Uni betreibt mit etwa 600 Studierenden jährlich das größte Orientierungsstudienprogramm in Deutschland. Der Fokus liegt dabei auf den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik).

Ein allgemeineres Orientierungsstudium bietet zum Beispiel das Leibniz Kolleg an der Universität Tübingen an. Im
Studium generale, das an das erste Jahr in den Liberal Arts Colleges angelegt ist, sollen Kurse ohne Prüfungsdruck aus allen Wissenschaftsbereichen besucht werden – also aus den Natur- Geistes-, Rechts-, und Sozialwissenschaften sowie aus den Sprachen und musischen Fächern.

Einblick in das Campus-Leben

Ziel des Tübinger Programms ist es ebenso, Orientierungs- und Entscheidungshilfe zu bieten. Darüber hinaus sollen sie Einblick in die wissenschaftlichen Arbeitsweisen und Fachkulturen der verschiedenen Studienfächer bekommen.

Eine Besonderheit des Programms ist, dass die 53 Studierenden gemeinsam in einem Haus und in Doppelzimmern leben. «Leben und Arbeiten am Kolleg sind durch das Studium sociale eng verknüpft, die Inhalte aus den Kursen werden auch außerhalb der Seminare viel diskutiert», sagt Ursula Konnertz, wissenschaftliche Leiterin des Leibniz Kollegs. Das stärke die Urteilskraft und insgesamt die Reife der Teilnehmer und Teilnehmerinnen.

Mit Credits ins Bachelorstudium

Egal, für welche Art von Orientierungsstudium man sich entscheidet, die Vorteile seien deutlich, sagt Christian Tauch. Die eigenen Fachinteressen ließen sich besser identifizieren und die eigenen Vorstellungen von Studieninhalten und Leistungsanforderungen überprüfen. Zudem fällt den Absolventen später die Orientierung im Hochschul- und Studienalltag leichter.

Auch wenn sie nach dem Orientierungsstudium nicht an der Uni bleiben wollen, sei dies nicht unbedingt ein Zeitverlust. Das gilt vor allem, wenn man es mit dem Zeitverlust durch einen späteren Studienabbruch vergleicht, wie Tauch erläutert. Studierende können meist erbrachte Leistungen in ihrem Bachelorstudium anrechnen lassen. «Es kommt aber auf die individuellen Leistungen und den jeweils gewählten Studiengang an», merkt Christian Schröder an.

Um ein Orientierungsstudium aufnehmen zu können, müssen Bewerber eine Hochschulzugangsberechtigung nachweisen. Die meisten Angebote sind in der Regel aber zulassungsfrei, so Tauch. Einige haben zusätzliche Aufnahmebedingungen. So lädt das Leibniz Kolleg eine Auswahl der Bewerber zu Bewerbungsgesprächen ein.

Fotocredits: Daniel Reinhardt,Markus Hibbeler,Hochschulrektorenkonferenz HRK,Friedhelm Albrecht,Christian Kielmann
(dpa/tmn)

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