Studenten scheinen unter Dauerstress zu stehen: Seminare, Vorlesungen, Recherchearbeiten in der Bibliothek, es macht den Eindruck als würde das Bologna-System die Studenten auslaugen. Immenser Arbeitsaufwand, Konkurrenzkampf und dann auch noch Zeitdruck. Aber stimmt das überhaupt?

In den letzten Jahren gab es viele Studien zum Zeitaufwand im Studium. Die meisten beruhten auf Fragebögen bei denen die Studenten ihren Zeitaufwand im Nachhinein einschätzen sollten. Mit dem Ergebnis, dass die Studenten quasi an der Grenze des Möglichen schuften. Neue Studien widerlegen dieses Bild allerdings.

Zeitaufwand im Bologna-System

Das oft verteufelte Bologna-System vergibt sogenannte ECTS Punkte für erbrachte Studienleistungen. Diese werden anhand vom Zeitaufwand berechnet, den ein Student für ein Seminar hat. Also die reine Seminarzeit, Texte bearbeiten, Hausarbeiten schreiben, lernen und dergleichen. Im Monat sollten laut Bologna etwa 150 Arbeitsstunden zusammen kommen. Nicht wenig, gerade wenn man bedenkt, dass viele Studenten nebenher Arbeiten müssen, um das Studium überhaupt finanzieren zu können. Die bisherigen Studien zeigten, dass die Studenten stark belastet sind und kaum noch Freizeit finden, da sie vom Studium so stark gefordert werden.

In den neuen Studien zeigt sich aber ein ganz anderes Bild.

Studenten haben mehr Freizeit als gedacht

Die Langzeitstudie „ZeitLast“ hat zahlreiche Studenten durch ihren Alltag begleitet. Dabei sollten sie täglich in einer Tabelle eintragen wie viel Zeit sie mit was verbracht haben. Kategorien sind zum Beispiel: Seminarzeit, Lernen, Bibliothek, Freizeit, Job und Praktikum. Dadurch, dass die Studenten jeden Tag ihre Werte eintragen, konnte in der Studie verhindert werden, dass die Erinnerung die Ergebnisse trübt.

Das Bild, das die Studie abliefert, ist ein völlig anderes: Die Studenten haben nur in den Prüfungsphasen annähernd die von Bologna geforderten Stunden in ihr Studium investiert. Während des restlichen Semesters hatten sie deutlich mehr Freizeit und konnten vom Studium kaum überfordert sein.

Aber wie kommt es zu diesem verzerrten Bild? Warum fühlen sich Studenten gestresst und glauben so viel Zeit ginge für das Studium verloren?

Das Zeitempfinden

Schon in den 1930er Jahren stellte der Wissenschaftler Lazarsfeld zusammen mit Kollegen fest, dass das Zeitempfinden sehr subjektiv sein kann. Sie führten Studien in einem Dorf in Österreich durch, Marienthal, in dem nahezu alle Menschen von der Arbeit in einer Fabrik abhängig waren. Nachdem die Fabrik schließen musste, waren fast alle Dorfbewohner arbeitslos.

Lazarsfeld und seine Kollegen untersuchten nun, wie die Dorfbewohner ihre Zeit füllen. Entgegen der Erwartung, dass beispielsweise die Zahl der ausgeliehenen Bücher in der Bibliothek steigt, Fernseher und PC waren noch unbekannt, sanken die Zahlen. Die Menschen gaben in Befragungen an, dass sie den ganzen Tag beschäftigt waren, die Dinge die sie aber unternommen hatten, füllten nur wenige Stunden. Die subjektive Zeitwahrnehmung hatte sich verändert. Die Arbeitslosigkeit führte zur passiven Resignation. Die Arbeitslosen in Marienthal schätzten ihren täglichen Zeitaufwand deutlich höher ein als realistisch, da es der Erwartungshaltung der Gesellschaft entspricht seine Zeit sinnvoll zu füllen, das geschieht nicht immer bewusst. Möglicherweise ist dieses Phänomen auch eine Erklärung dafür, warum viele Studenten ihren Zeitaufwand deutlich höher einschätzen als er wirklich ist. Derzeit fehlen dazu aber noch aussagekräftige Untersuchungen.

Mehr Informationen zur Marienthal-Studie gibt es hier.